Frenzy Suhr „Request for Silence“ (VÖ: 30.11.18 – Kombüse / Broken Silence)

Seine erste Band gründete er mit 16. Sein erstes Konzert gab er am 22. Dezember 1973.

Aber nein, eine Rampensau war er nie.

Den vordersten Platz auf der Bühne überließ er immer anderen. Hinzu kommt eine würdevolle Zurückhaltung, die manch einer als „Understatement“ oder vielleicht sogar als „Schüchternheit“ bezeichnen würde. Und das, obwohl der Mann so etwas wie eine Institution in der deutschen Musikszene ist. Aber eben eine, die dafür sorgt, dass andere gut aussehen.

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So kommt es also, dass Frenzy Suhr im zarten Alter von 61 Jahren mit „Request for Silence“ sein erstes öffentliches Solo-Album herausbringt. Und auch hier überlässt er die erste Reihe lieber anderen. Mit dabei sind Gisbert zu Knyphausen, Steffen Nibbe von Staring Girl, Naema Faika, daantje von daantje & the golden handwerk, Michael Mcanear, Stefan Aschermann, Gesa Bleckwedel, Holger Selig und Ralf Sturm. Sie alle sind Künstler, Wegbegleiter und Freunde von Suhr. Eingerahmt werden die Stücke von drei Gedichten von Gerrit Bekker, die „Request for Silence“ beinahe schon als Konzept-Album erscheinen lassen.

Was aber auch nicht so ganz falsch ist. Zwischen fünf und sechs Jahren arbeitete Frenzy Suhr an den Aufnahmen. Die finalen Stücke sollten sowohl seinen konkreten Vorstellungen entsprechen als auch die Kraft der Improvisation versprühen. Hierfür startete er einen Road-Trip.

Ausgestattet mit einer Gitarre und seinem 16-Spur-Recorder machte er sich auf den Weg, die Musiker und Freunde zu besuchen – ob in Berlin, Stuttgart, Kiel oder sonst wo –, die ihn bei seinen musikalischen Vorstellungen unterstützen konnten. So entstanden Aufnahmen in Küchen, Badezimmern, Keller- und Wohnräumen, die Frenzy Suhr dann zuhause in seiner Hamburger Wohnung, die gleichzeitig auch sein Atelier darstellt – denn Suhr ist auch expressionistischer Maler – fertiggestellte. Natürlich ganz seinen musikalischen Vorstellungen entsprechend.

Vor allem Musiker, mit denen er zusammenarbeitete und die zurzeit selbst noch aktiv sind, wollte Suhr auf seinem Album haben. Ein paar außergewöhnliche Kooperationen sind dann doch noch hinzugekommen: Die wohl ungewöhnlichste Aufnahme ist „Weber“ von Michael Mcanear. Der US-Amerikaner, der an der University of California in Los Angeles Deutsche Literatur lehrt, ist seit vielen Jahren ein Freund von Suhr. Gemeinsam vertonten sie ein Gedicht von Heinrich Heine.

Überhaupt scheint es auf den ersten Blick, dass die Themen auf „Request for Silence“ sehr unterschiedlich sind. Da sind beispielsweise Gisbert zu Knyphausens Kommentar auf den Überwachungsstaat in „Big Brother“, Steffen Nibbes literarische Beschreibung des Glücks in „Lächeln und Reden“, daantjes humorvoll philosophische Bestandseinordnung in „Weltall“, Gesa Bleckwedels Erzählung eines Lebens in Obdachlosigkeit in „Street-Strolling“, Naema Faikas gefühlvolle Analyse von Zwischenmenschlichkeit in „Rainy“ oder Holger Seligs zögernd euphorische Selbsterfahrung in „Blueberries“.

Auch musikalisch gleitet Suhr durch verschiedene Genres. Sogar in der elektronischen Drum’n’Bass-geprägten Musik nimmt er Anleihen und zeigt Referenzen auf, wie etwa in dem Instrumentalstück „Bionulf“.

Und doch schafft er es, alles unter einen Hut zu bekommen. Und beweist gerade damit sein ungeheures Talent und seine schier endlose musikalische Erfahrung. Seine Methode: das Erzeugen von Atmosphäre. „Request for Silence“ ist keine beliebige Ansammlung von Liedern, die nichts miteinander zu tun haben und nichts voneinader wollen. Im Gegenteil: Sie ergänzen sich, gehen ineinander über, tauschen sich aus und werden schließlich zu einem großen Ganzen. Vielleicht auch zu einem großen, ganzen Blick auf die Welt. Aus der Perspektive Frenzy Suhrs. Die Ungebundenheit und Freiheit, die Suhr für sich in Anspruch nimmt, ist in jeder Note und jeder Zeile hör- und erlebbar.

Musik, so Suhr, habe ihn schon durch viele Tiefen des Lebens geleitet. Vielmehr noch habe sie seine Seele gerettet. In diesem Sinne ist „Request for Silence“ ein Album, das vereint, Wege aufzeigt, Welten entstehen lässt und gleichzeitig Ruhe in einer überdrehenden und effekthaschenden Welt einfordert.

In seiner zurückhaltenden Art würde Frenzy Suhr wohl nur mit den Schultern zucken und anmerken, dass es schlichtweg eine schöne Aufgabe sei, Töne mit Freunden zusammenzustellen.

Nein, eine Rampensau wird er nicht mehr. Das kann er aber auch getrost anderen überlassen.

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